Lesung Johannes R. Becher am 22. Juli auf dem Bassinplatz
Am Mittwoch, 22. Juli 2026, 18 Uhr, öffnet die Bibliothek der verbrannten Bücher auf dem Potsdamer Bassinplatz wieder zur monatlichen Lesung. Diesmal lesen wir ausgewählte Texte aus dem Gedicht-Band „Ein Mensch unserer Zeit“ von Johannes R. Becher, der zu den 1933 von den Anhängern des NS-Regimes öffentlich verbrannten Büchern gehört. Johannes R. Becher, einer der wichtigsten Vertreter des literarischen Expressionismus, wurde am 22. Mai 1891 in München geboren. Seine Kindheit und Jugend waren von extremen Konflikten geprägt. Sein Vater, Richter am Münchner Oberlandesgericht, drängte ihn zur Offizierslaufbahn, aber Becher wollte Dichter werden. 1910 erschoss er bei einem gemeinsamen Suizid-Versuch seine Jugendliebe Franziska Fuchs, er selbst überlebte schwer verletzt. Becher suchte Halt, wurde Lyriker, gab sich der Morphiumsucht hin, lebte in einer anarchistischen Kommune, trat in die USPD, später in die KPD ein, verließ die Partei wieder und wurde 1923 erneut Mitglied. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh er über die Tschechoslowakei nach Moskau und überlebte in der Sowjetunion den Krieg und den stalinistischen Terror. Im Mai 1945 kehrte er mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Berlin zurück, wurde Präsident des Kulturbundes und erster DDR-Kulturminister. 1949 verfasste er den Text der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“, der nach der Melodie von Hanns Eisler bis 1971 gesungen wurde. Danach wurde die Hymne nur noch instrumental aufgeführt. Nach seinem Tod im Jahr 1958 wurde er, entgegen seines schriftlich hinterlegten letzten Willens, mit einem bombastischen Staatsbegräbnis geehrt und in einem Nachruf im „Neuen Deutschland“ zum „größten deutschen Dichter der neuesten Zeit“ erklärt. Johannes Bobrowski widersprach diesen Phrasen. Für ihn war Becher der „größte tote Dichter bei Lebzeiten“ einer, den „niemand hörte und las“ – obwohl er lebte und schrieb.
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